Trotzdem bin ich ein Befürworter des Impfens und impfe auch unsere eigenen Tiere jedes Jahr gegen alles, was machbar ist.

Wie lässt sich das vereinbaren?

Ganz einfach, durch langjährige Erfahrung. Ich bin in einer Tierarztpraxis aufgewachsen und habe als Kind und Jugendlicher die damals häufigen Seuchenzüge mit Staupe, Parvovirose, Katzenseuche, Leukose etc. hautnah miterlebt. Gleichzeitig kann ich mich noch gut daran erinnern, als die ersten Impfstoffe gegen diese Krankheiten auf den Markt kamen und die Todesfälle langsam aber sicher zurück gingen. Damals war jeder froh darüber, obwohl gerade die ersten Impfstoffgenerationen im Gegensatz zu heute viel primitiver, unsicher und teilweise schlecht verträglich waren. Noch beeindruckender waren für mich meine ersten Praxisjahre in Rösrath. Als ich 1986 die Praxis eröffnete, war Rösrath und Umgebung eine Tierarztfreie Zone und infolge dessen bestand eine schlechte Impfmoral. Die Katzen wurden damals selten älter als 10-12 Jahre, da sie dann an einem Leukose bedingten Zusammenbruch des Immunsystems erkrankten und starben. Zeitgleich mit meiner Praxiseröffnung erschien der Leukoseimpfstoff, Damals eine Meisterleistung der Wissenschaft, den ich sofort bei allen jüngeren Katzen einsetzte, obwohl es auch damals schon sehr viele Gegner unter Tierhaltern, Züchtern und auch Tierärzten gab. Dieser erste Impfstoff war wirklich nicht gut verträglich und etwa 20% der Impflinge waren nach der Impfung einen Tag krank. Aber es lohnte sich, denn viele dieser Katzen sind dank der Impfung sehr altgeworden. Und für mich als Tierarzt, der nicht nur das Einzeltier, sondern die gesamte Population überblickt, war es faszinierend mit anzusehen, wie die Zahl der Leukoseopfer von Jahr zu Jahr abnahm und heute, zumindest im Rösrather Raum, eine Seltenheit geworden ist und viele dieser Katzen werden mittlerweile 20 Jahre alt und mehr. Seitdem sind die Impfstoffe immer weiter verbessert worden, so dass Impfreaktionen und dadurch bedingte Krankheiten kaum noch vorkommen. Todesfälle nach Impfungen habe ich persönlich zum Glück nie erlebt. Besonders empfindliche Tiere bzw. Rassen bekommen gleichzeitig mit dem Impfstoff ein homöopathisches Mittel namens Thuja verabreicht, so dass auch diese keine Reaktion zeigen.

Als Tierarzt habe ich die Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen durch bestmögliche Prophylaxe für die Tiergesundheit zu sorgen. Außerdem handelt es sich bei diesen Erkrankungen teilweise um Zoonosen, das heißt, dass diese auf den Menschen übertragbar sind. Daneben ist das Ziel des Tierarztes die Etablierung einer Populationsimmunität, die gewährleistet, dass ein in die Population eingedrungenes Virus keine genügend große Zahl empfänglicher Tiere vorfindet und die Infektionskette daher nach wenigen Tierpassagen beendet ist.
Die Frage, wie oft und wo gegen geimpft werden soll, ist nicht so einfach zu beantworten und muss von Fall zu Fall sorgfältig abgewogen werden.
Reine Wohnungskatzen, die absolut keinen Kontakt zu anderen Tieren haben, brauchen natürlich nicht gegen Tollwut geimpft werden. Dagegen kenne ich keinen Hund, der nicht wenigstens ab und zu mit anderen Tieren zusammen kommt und daher infiziert werden kann.

In welchen Intervallen soll geimpft werden?
In der Regel handelt es sich um Kombinationsvaccinen, da es für die Tiere verträglicher und stressfreier ist nur einmal geimpft zu werden. Wegen der unterschiedlichen Konservierungsstoffe und sonstigen Bestandteile, sollte nach Möglichkeit auch immer derselbe Impfstoffhersteller gewählt werden. Der Einjahresrythmus ist dabei eine Kompromisslösung bzw. der goldene Mittelweg.
Die Viruspneumonie (Zwingerhusten) hält kein ganzes Jahr, Leptospirose (eine Zoonose) ein Jahr, Staupe, Hepatitis und Parvovirose länger als ein Jahr, aber, wie früher gehandhabt unter Belastung keine zwei Jahre. Bei den Katzenimpfstoffen verhält es sich ähnlich. Um den optimalen Impfzeitpunkt zu kennen, müssten in regelmäßigen Abständen Blutproben zwecks Antikörperbestimmung genommen werden, was aber viel zu teuer und auch den Tieren nicht zuzumuten wäre.
Eine weitere häufig gestellte Frage: Mein Tier ist so alt, ist es nicht schon gegen alles immun? Tatsache ist, dass ältere Tiere ein wesentlich schwächeres Immunsystem besitzen als jüngere und somit ohne Impfschutz viel anfälliger werden. Bestes Beispiel ist die Staupe-Parvoinvasion aus Belgien und Frankreich vor wenigen Jahren und mittlerweile aus Osteuropa, bei der fast nur ältere Tiere und Jungtiere, welche noch keine oder nicht abgeschlossene Grundimmunisierung hatten, gestorben sind. Jetzt zum letzten Punkt. Der Tollwutimpfstoff steht im Verdacht, bei Katzen bösartige Hauttumoren (Fibrosarkome) zu verursachen. Zum Glück hält der Impfschutz gegen Tollwut seit 2006 drei Jahre. Da ich selber schon öfter mit tollwütigen Tieren zu tun hatte und im ersten Praxisjahr hier in Hoffnungsthal bei einem Hausbesuch von einer infizierten Katze gebissen worden bin, möchte ich auf keinen Fall auf diese Impfung verzichten.

Impfmoral - Impfmüdigkeit
Leider sind wegen der nachlassenden Impfmoral - völlig unnötig - nach langer Zeit wieder die ersten Katzen durch Leukose (FeLV ) und Katzenaids (FIV) gestorben. Da ich seit über 20 Jahren gegen FeLV impfe, war Rösrath und Umgebung über viele Jahre Leukose- und FIV frei. Durch die wild lebenden Streuner kann diese heimtückische Seuche aber immer wieder aufflackern. Auffällig ist auch die Zunahme der Katzenschnupfen-Infektionen die durch den Einsatz billiger, minderwertiger Impfstoffe mit verursacht werden. Das gilt natürlich auch für andere Krankheiten, die sich durch Impfungen vermeiden lassen.